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Thüringer Klöße: Die Geschichte eines Scheiterns

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Als Westfälin bin ich mit Salzkartoffeln aufgewachsen. Nur zu Weihnachten gab es üblicherweise ein (für mich zweifelhaftes) „Festessen“ aus Braten, Backpflaumen und Klößen, genannt „schlesisches Himmelreich“ – kulinarisches Erbe meiner ostdeutschen Großeltern. Die „Gummibälle“ aus Kartoffel-Mehl-Teig fand ich gräßlich und erst Jahrzehnte später versöhnten mich Semmelknödel und Pilzsauce mit der Gattung Kloß.

Auftritt Thüringer Klöße: Mit einem wirklich enorm appetitanregenden Foto machte die geschätzte Bloggerkollegin Claudia auf ihr Blogevent aufmerksam. Und weil am Wochenende bei mir eh das Probekochen des Weihnachtsessens (Wildschweinkeule aus dem Slowcooker) anstand, schwenkte ich in Sachen Beilage kurzerhand um: Klöße mit Sauce.

Ein passendes Rezept für original Thüringer Klöße war schnell gefunden. Okay, es stand in einem Autoatlas „Reisen & Speisen in Deutschland“ aus dem Jahr 1993. Aber die Rezeptur wird sich seitdem ja wohl nicht geändert haben. Traditionsgericht halt!  Und überhaupt: Was kann schon schief gehen bei einem Rezept, dessen Zutatenliste aus Kartoffeln, Milch, Salz und Brotcroutons besteht?

Merke: Ein kurze Zutatenliste bedeutet nicht kurze Zubereitungszeit.

Schon der Einkauf erwies sich als zeitraubend: In vier Geschäften im Ort gabs keine mehlig kochenden Kartoffeln, nicht mal im Landmarkt. Auf den Weg zum Bio-Supermarkt in der Nachbarstadt hatte ich dann keinen Bock mehr und gab mich stattdessen mit vorwiegend festkochenden Kartoffeln zufrieden. Die mussten dann zum Teil vorgekocht, zum Teil gerieben werden. Außerdem galt es Brotcroutons zu rösten, geriebene Kartoffeln zu „waschen“ und auszudrücken. Summa summarum: Einige Stunden.
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Merke: Koche nichts, von dem du nicht die geringste Ahnung hast, wie es schmecken und aussehen soll. Oder: Autoatlas, bleib bei deinen Leisten.

Das kurze Rezept ebenso kurz überflogen: Aha, Thüringer Klöße sind also eine Mischung aus gekochten und rohen Kartoffeln im Verhältnis 1:3. Oder doch 1:4 wie in einem anderen Rezept im Internet? Oder halb & halb? Das hatte ich als Pulver schon mal im Supermarkt gesehen. Und die gekochten, mit Milch zerstampften Kartoffeln warm mit den rohen Kartoffeln mischen oder „keinesfalls warm vermengen“, wie es das andere Rezept forderte? Ich beschloss, mich an die Buchvorlage zu halten. Die sah übrigens 250 ml Milch auf 500 g gekochte Kartoffeln und 1,5 Kilo rohe Kartoffeln vor – viel zu viel Flüssigkeit, wie mir jetzt klar ist.

Merke: Fein gerieben heisst nicht „feinste Reibe der Küchenmaschine“.

Nein, fein gerieben heisst diese ätzende, stechende, superscharfe Seite der Hand-Küchenreibe. Die mit den spitzen Noppen, ihr wisst schon. Also die, an der man sich immer die Haut aufreißt. Auch wenn man aufpasst wie ein Schießhund. Mein Mitgefühl gilt aus der Ferne all den Thüringer Hausfrauen, die sich seit Generationen für den echten Kloß die Finger blutig reiben – Respekt!

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Merke: Weich ist ein sehr subjektiver Begriff.

Siehe Merksatz „Koche nichts…“. Wie fein ist fein? Meine geriebenen Kartoffeln waren offenbar nicht fein genug, denn sie ähnelten letzlich dünnen Würmchen (siehe Foto unten). Und wie fest ist „Kartoffeln in einem Tuch fest ausdrücken“? Offenbar so, dass selbst Wrestler Tim Wiese vor Anstrengung rot im Gesicht würde. Mein locker-lässiges Tuch-Zusammendrehen hat jedenfalls nicht gereicht. Und wie weich ist „weich, aber formbar“ – wie Rührteig, wie Hefeteig, wie Knete? Mein Teig war weich und formbar – doch im ganz leicht siedenden Wasser zeigten die crouton-gefüllten Bälle schon nach wenigen Sekunden heftigste Auflösungserscheinungen.

Merke: Man kann jedes Rezept noch verschlimmbessern.

thueringer_kloesse04Zum Beispiel, indem man in viel zu weichen Kloßteig noch esslöffelweise Speisestärke gibt. Das wird die Masse schon zusammen halten, dachte ich mir so in meiner salzkartoffeligen Naivität. Von wegen. Irgendwie separierte sich der glatte Kartoffelpü-Part des Teiges nur noch schneller von den Kartoffelfäden. Ergebnis: Das Kochwasser wandelte sich in eine wunderbar sämige Brühe, die man sicherlich auch toll als Tapetenkleister hätte verwenden können.

Merke: Wildschweinbraten schmeckt auch mit Rösti.

Nachdem sich abzeichnete, dass mehr Speisestärke eher weniger gute Erfolge erzielt, gab ich auf. Kurzerhand schob ich TK-Rösti in den Backofen und benutzte die Wartezeit, um die drei halbwegs zusammen haltenden Knödel fotografisch für die Nachwelt festzuhalten. Ja, in einem Saucen-See ertränkt sahen sie gar nicht schlecht aus. Und auch der Geschmack war – okay. Über die Konsistenz möchte ich allerdings keine Worte verlieren.

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Merke: Die vermeintlich einfachsten Dinge sind ganz schön schwer.

In jedem Fall bin ich ausgesprochen gespannt auf die anderen eingereichten Rezepte. Vielleicht ist ja das „Masterrezept“ dabei, das super-detailliert und anschaulich jede Knödelfrage klärt. Dann versuch ich es bestimmt noch mal – oder ich fahre doch irgendwann nach Thüringen und koste dort „Klöße mit Sauce“ in echt!

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29 Kommentare

  • Antworten
    Jette
    10. November 2016 um 18:33

    Ich liege gerade lachend auf dem Boden – das hätte ich sein können! Hochmotiviert und alles verschwört sich gegen einen. Fühl Dich gedrückt und bleib bei Semmelknödeln. Die schmecken eh besser 😛

    Liebe Grüße
    Jette

    • Antworten
      gfra
      10. November 2016 um 18:34

      Semmelknödel kann ich, ehrlich 😉

  • Antworten
    Kebo
    10. November 2016 um 18:39

    Ich bin mir sicher, hättest Du gescheite mehlige Kartoffeln bekommen, wären sie perfekt geworden. Super der Post!!!
    Ganz liebe Grüße aus Südtirol,
    Kebo

    • Antworten
      gfra
      10. November 2016 um 18:49

      Die sind bei uns nicht sehr beliebt und kaum verbreitet. Leider…

  • Antworten
    nata
    10. November 2016 um 18:39

    Für mich als Rheinländerin, mit belgischem Essen aufgewachsen, stehen Fritten weit über Klößen. Klöße sind prima, gar keine Frage, aber zum Überleben brauche ich sie nicht. Dass ich mich trotzdem daran gewagt habe und dass es mir trotz allem gelungen ist, habe ich nur Herrn Schuhbeck zu verdanken. Bei Klößen aller Art vertrau ich ihm blind und ich bin noch nicht ein einziges Mal damit reingefallen.
    Meinen ersten Versuch mit Halbundhalb habe ich damals, in den Anfangszeiten meines Blogs festgehalten:
    http://pastasciuttablog.blogspot.de/2010/01/erste-runde-fur-mich.html

    • Antworten
      gfra
      10. November 2016 um 18:49

      Jetzt fühl ich mich als Totalversager, nachdem du deinen Beitrag mit „Das ging ja einfach“ begonnen hast 😉 Nee ehrlich – genau DAS war die Art Rezept, die ich gebraucht hätte, mit der Beschreibung von Texturen und Tricks…

  • Antworten
    Claudia Braunstein
    10. November 2016 um 18:46

    Liebe Gabi, ich musste bei deiner detailreichen Beschreibung jetzt herzlich lachen. Ich sage tausend Dank für deine Bemühungen. Liebe Grüße aus Salzburg, Claudia

    • Antworten
      gfra
      10. November 2016 um 19:09

      „Danke für deine Bemühungen“ hört sich ein bisschen an wie „Sie hat sich stets bemüht“, grins.. Ja, bemüht habe ich mich, aber ich bin spektakulär gescheitert 😉

  • Antworten
    Ulrike
    10. November 2016 um 19:04

    Ich sag nur Kronenreibe für die KA 😉 Und ich lass da lieber davon die Finger…

    • Antworten
      gfra
      10. November 2016 um 19:08

      Genau den Aufsatz habe ich nicht…

  • Antworten
    Petra Hermann
    10. November 2016 um 19:33

    Liebe Gabi, ich habe herzlich gelacht. Vor allem aus der Sicht der „Wissenden“. Kochanleitungen kann man nicht überall trauen, diese Erfahrung hat wohl jeder schon gemacht. Mit den mehligen Kartoffeln oder nicht hat es nicht unbedingt zu tun, sondern mit dem sehr trockenen Kartoffelschab und dem Verhältnis und der Konsistenz des gekochten (heißen) Anteils. Lies es gern bei mir mal nach 😉 Aber alles in allem, ein mutiger Post und wenn du damit gewinnst, lade ich dich jetzt schon zu mir ein. Was es gibt, kannst du dir denken 😉

    • Antworten
      gfra
      10. November 2016 um 19:40

      Pasta??? 🙂

  • Antworten
    Carolin
    10. November 2016 um 20:47

    Oje, ich kann dein Leid nachvollziehen! Ich bin ja nun auch in Westfalen aufgewachsen und Klöße kenn ich quasi nur vom Hörensagen 😉 Wenns dann auch nur falsche Kartoffeln gibt, hattest du ja keine Chance!
    Trotzdem: sehr schön geschrieben!
    Liebe Grüße
    Caro

    • Antworten
      Gabi
      10. November 2016 um 21:14

      Oh, Caro, du bist eine Landsmännin 🙂 wo kommze denn von wech?

  • Antworten
    Franzi
    11. November 2016 um 0:06

    Liest sich wie mein vor Jahren allererster Versuch, Klöße zu machen 😁 Hab’s dann einfach gelassen. Selbst die ausführlichen und einfach klingenden Anleitungen meiner Thüringer Schwägerin konnten mich nicht mehr dazu bringen, es erneut zu versuchen. Was bin ich froh, nicht die Einzige zu sein, die kläglich daran scheiterte. Herrlich 😁 *highfive*

    Übrigens, renne ich seit 2 Wochen nach mehligkochenden Kartoffeln rum. Ich musste sie letztlich im Netz bestellen. Irre, oder?!

    Liebste Grüße, Franzi

    • Antworten
      gfra
      11. November 2016 um 8:27

      Highfive zurück, Franzi… Gut zu wissen, dass man/frau nicht der einzige Kloß-Legastheniker da draußen ist 🙂

  • Antworten
    Sylvia
    11. November 2016 um 8:49

    Ich habe Tränen gelacht und es hat mich einfach bestärkt, weiterhin einfach und
    schnell der Firma Pf… zu vertrauen. Gelingsicher. Schmecken. Was will man mehr.
    Dieses rumgematsche mit Kloßteig? Never ever… 😉

    Lieben Gruß und schönes Wochenende.

    Sylvie

    • Antworten
      gfra
      11. November 2016 um 8:52

      Warum man das macht? Weil man’s kann – oder sich etwas beweisen möchte. Ich habe mir jetzt bewiesen, dass ich Klöße ohne ordentliches Rezept eben nicht kann 😉

  • Antworten
    Karin
    11. November 2016 um 10:59

    Tja, der Beitrag kommt mir sehr bekannt vor; so ging es mir auch einmal, obwohl ich sogar mehligkochende Kartoffeln bekommen habe.
    Mittlerweile freue ich mich, dass es hier fertigen Knödelteig halb/halb zu kaufen gibt. Ich brauche ihn um saarländische Gefüllte zu machen.
    Gekochte Knödel (Pälzer Schneebällscher) mache ich selber, gelingsicher werden sie im Dampfgarer.
    Und Semmelknödel werden bei mir in der Mikrowelle gemacht, habe hierfür ein tolles Rezept von einer pfälzischen Chefkochuserin.
    Du siehst, du bist nicht die einzige, die mit dem Knödelproblem gekämpft hat.
    LG Karin

    • Antworten
      gfra
      11. November 2016 um 14:09

      Es hilft offenbar eben nur „dran bleiben“ 😉

  • Antworten
    Eve Müller
    12. November 2016 um 8:33

    Das nennt man Schüsselkloß, ganz einfach. So sagen wir, wenn es nicht gelingt.

    Geriebene Kartoffeln und Kartoffenbrei müssen eine heiße Liaison miteinander eingehen. Nicht lauwarm, kalt sowieso nicht, heiß und blubbernd. Wichtig ist rühren, rühren, rühren, am besten mit einem Holzquirl (Schneebesen sterben bei dieser Tätigkeit 😝). Gruß aus Thüringen

    • Antworten
      gfra
      12. November 2016 um 9:02

      Ich nenne das „Topfkloß“, denn da ist der Teig letztlich gelandet 😉 Danke für den Tipp, ich seh schon: Ich hatte einfach das falsche Rezept, das nicht genug erklärt hat…

  • Antworten
    Sabine
    12. November 2016 um 22:11

    Hallo ihr Lieben,

    ich mache schon seit mehr als 30 Jahren Thüringer Klöße selbst und es gibt Fertigklöße nur im Ausnahmefall.

    Ich finde das Thüringer Klöße gar nicht so schwer sind.

    Natürlich ist werden sie auch nicht immer zu 100% perfekt, dass hängt auch immer von den verwendeten Kartoffeln ab.

    Nicht aufgeben ….

    • Antworten
      gfra
      13. November 2016 um 9:18

      Werde ich auch nicht 😉 Danke für den Zuspruch…

  • Antworten
    Martina Yaman
    15. November 2016 um 19:15

    so ähnlich gingen bisher alle meine Kloßversuche aus. Das einzige (ungefähr das 7.) Mal, wo sie mir einigermassen gelangen, lautete das Urteil meiner Kinder: ihhhh Matschbälle. Und verlangten lautstark nach Semmelknödel a la Uroma aus dem Sudetenland. Die ich aus dem Handgelenk mache. Seitdem lass ichs. Man muss nicht alles kochen, nur weil es Klassiker sind.

    • Antworten
      gfra
      15. November 2016 um 21:28

      Guter Schlusssatz 🙂

  • Antworten
    Wendy
    3. Dezember 2016 um 21:34

    Sagen wir mal so – wenn meine Mutter – eine ausgezeichnete Köchin und Bäckerin – mir irgendwann so um meinen 45. Geburtstag verrät, daß sie – seit es Kartoffelknödelteig als Fertigprodukt im Kühlregal gibt nur noch diesen verwendet – dann hat das Gründe. Gute Gründe.

    • Antworten
      Gabi
      4. Dezember 2016 um 20:48

      Laut lach… Wie macht sie Kartoffelpuffer??

      • Antworten
        Wendy
        5. Dezember 2016 um 21:11

        Inzwischen glaube ich gar nicht mehr (zuviel Aufwand für eine Person). Ich selbst finde, TK-Kartoffelpuffer sind gar nicht so übel – erst recht als Single-Haushalt.

        Früher wurden die Kartoffeln für den Pufferteig aber über die Reibscheibe der Küchenmaschine gejagt. Meine Mutter – als Vollzeit-Berufstätige mit 2 Kindern – hat die genutzt, wo immer es ging. Die Puffer waren immer genial – es stank nur das ganze Haus danach und derjenige am Herd hatte die A***-Karte – denn der konnte nicht mit am Tisch sitzen – weil Puffer nur frisch aus der Pfanne schmecken und kontinuierlich gebacken werden müssen….

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